Ecuador 9 – Verkehr

Terminal Terrestre

Quitos überregionaler Busbahnhof versprüht etwa den visuellen Charme eines ausgebombten Parkhauses, riecht nach Urin und Altöl und bietet die Klangkulisse einer Massenkarambolage mit Schwerverletzten. Genau 99 Verkaufsbüros verschiedener Buskooperativen werben in einem gigantischen Wettschreien um Kunden. Auf dem Weg zum präferierten Busunternehmen muss man zwangsweise an den Schaltern der Konkurrenz und etlichen anderen Geschäftemachern vorbei und diese lassen eine solche Gelegenheit niemals ungenutzt verstreichen.

Ein möglicher Dialog mit den Anwesenden wäre in etwa folgender:*

„RIOBAMBARIOBAMBARIOBAMBAAAAAAAAA!“
„Nein, danke, ich möchte nach Atacames“ „RIOBAMBARIOBAMBAVIELSCHÖNERVIELBILLIGERVIELBESSER“ „BROTÄPFELSCHOKOLADESAFT! BROTÄPFELSCHOKOLADESAFT! BROTÄPFEL-SCHOKOLADESAFT!“
„RIOBAMBAAMBATOCUENCABAÑOS“
„Also, eigentlich möchte ich nur nach Atacames“ „Bitteeinendollarbitteeinendollarbitteeinendollar!“
„RIOBAMBARIOBAMBA!“
„Nein, nein, ich will nicht, dass du mir die Schuhe putzt, sie sind schon sauber, hörst du?“ „AGUAYAQUILGUAYAQUILGUAYAQUIL!“
„Ich habe jetzt keinen Dollar, bedaure.“ „Arschloch!“
„ATACAMESATACAMESATACAMES!“ „BROTÄPFELSCHOKOLADEBONBONS!“
„Ja, ich möchte nach Atacames!“ „ATACAMESATACAMESATA… oh, tut mir Leid; der Bus ist schon voll.“
„Bitteeinendollarbitteeinendollar!“
„Aber warum schreien Sie dann so, wenn der Bus schon voll ist?“ „Weiß ich auch nicht, ich hab’s mir angewöhnt –  ATACAMESATACAMESATACAMES!“  „SCHRAUBENZIEHERFÜRDREIDOLLARSCHRAUBENZIEHERFÜRDREIDOLLAR!“ „RIOBAMBARIOBAMBARIOBAMBAAAAAA!“

Nach weiteren Wortwechseln dieser Art empfiehlt es sich, anstatt zu resignieren, einfach in eine dem Zielort nahe gelegene Stadt zu fahren und von dort weiterzureisen oder gleich dort zu bleiben, oder aber ganz woanders hinzufahren, denn schön ist es eigentlich fast überall, außer im
Terminal Terrestre von Quito. Im Gegensatz zu Deutschland existiert in Ecuador nämlich ein erschwinglicher und zuverlässiger Personennah- und Fernverkehr, der sämtliche Ortschaften miteinander verbindet. Von eigenhändigen Autofahrten sei jedoch nicht nur aus diesem Grunde abgeraten; der Straßenverkehr ist nicht gerade ungefährlich. Auch wenn Sie bereits einen Führerschein besitzen und seit 20 Jahren unfallfrei gefahren sind, glauben Sie nicht, Sie könnten auch nur 10 Minuten auf dem Andenhighway überleben. Es gibt kaum eine härtere Ausbildung auf der Welt als die zum staatlich geprüften Überlandbusfahrer Ecuadors und kaum einen Beruf, der mehr Wagemut erfordert. Diese Leute sind noch echte Männer, die den Tod nicht fürchten, sondern ihm die Türe öffnen, um ihm eine Fahrkarte zu verkaufen.