Ecuador 8 – Kleine Anleitung zum Verkauf von Zucker

Stellen Sie sich vor, Sie sind in Ecuador und Sie haben, wie so oft, kein Geld. Aber Sie haben Zucker. Gut, so denken Sie, verkaufe ich doch einfach den Zucker. Doch die Umwandlung von Glukose in Metallstücke erfordert vielfältiges Geschick und eine hoch qualifizierte Ausbildung, die der der alten Alchimisten in nichts nachsteht. Eine solche Erfahrung kann dieses bescheidene Werk natürlich keinesfalls ersetzen, nichtsdestotrotz wird ein kleiner Amateur-Schnellkurs Ihnen einen ungefähren Eindruck vermitteln.

Benötigte Utensilien

Einige Kaugummis
1 kg Pferdefleisch oder etwas, das wie 1 kg Pferdefleisch aussieht
Ein paar Tafeln mit bunten Bildern über die Anatomie des Menschen
Zucker in schillernden Glasdöschen

Vorgehensweise

Stellen Sie sich an eine der häufig frequentierten Überlandstraßen und warten Sie auf einen Bus. Aufgrund Ihrer Ausrüstung erkennt Sie der Busfahrer sofort als professionellen Zuckerverkäufer und verringert die Geschwindigkeit, so dass Sie aufspringen können.
Stellen Sie sich den Passagieren vor, aber nicht, indem Sie nur Ihren Namen sagen. Erzählen Sie Ihre Lebensgeschichte. Ihre Eltern kamen als Sie vier Jahre alt waren ums Leben und Sie haben Ihre fünf jüngeren Geschwister seitdem alleine erzogen. Entschuldigen Sie sich mehrfach und lautstark für die Störung und machen Sie klar, dass Sie keiner dieser Quacksalber sind, die den Leuten völlig unbrauchbare Sachen andrehen wollen, oder gar normales Wasser als Medizin verkaufen, nein, Sie sind von Gott dazu berufen worden, in diesen Bus zu steigen und den Menschen dort die kleine Erlösung für zwischendurch zu bringen. Für Ihre Glaubwürdigkeit ist es unerlässlich, Ihre Rede auf den letzten Akzent genau vorzutragen, und zwar rhetorisch so versiert, dass jeder demagogische Spitzenpolitiker vor Neid erblassen würde. Um das Eis zu brechen und zu beweisen, dass Sie wirklich nicht an Geld interessiert sind, sondern vollkommen altruistisch handeln, veranstalten Sie ein Quiz und verteilen für jede richtige Antwort ein Kaugummi. Besonders Sprachspiele kommen hier gut an; für falsche Antworten gibt es ein Trostkaugummi.

Erwähnen Sie beiläufig, dass Sie ein Kilogramm Pferdefleisch bei sich haben, von Ihrer eigenen Farm, versteht sich, dass es einfach grandios schmeckt und nebenbei genug lebenswichtige Vitamine und Mineralien beinhaltet, um einen Menschen wochenlang zu ernähren. Einmaliger Kampfpreis: Fünf Dollar. Ob Ihnen jemand die Story oder gar das Pferdefleisch abkauft, ist völlig egal, die Hauptsache ist: Jetzt sind die Leute aufnahmebereit und respektieren Sie, denn sie wissen ganz genau, dass Sie Ahnung von Ihrem Fach haben und ohne einen Verkauf nicht wieder loszuwerden sind.

Erzählen Sie als kleines Intermezzo die Geschichte von einem Bekannten, der unheilbar an einem nicht näher spezifizierten Krebsleiden erkrankt war. Niemand wusste ihm zu helfen und seine Freunde hatten die Hoffnung bereits aufgegeben, jemals wieder etwas von den 15 Dollar zu sehen, die er ihnen schuldete und wegen den teuren Arztbesuchen nicht zurückzahlen konnte. Doch da Gott ihn nicht sterben lassen wollte, gab er der Familie ein wundersames Heilmittel, das ihn über Nacht wieder kerngesund machte. Ganz zufällig haben Sie etwas von diesem einmaligen Mittel bei sich. Als Beweis zeigen Sie ein Glas mit Ihrem Zucker herum, aber ohne es aus der Hand zu geben.

Damit die Leute Ihnen vertrauen, müssen Ihre Behauptungen wissenschaftlich fundiert sein. Deshalb erklären Sie unter Zuhilfenahme Ihrer Lehrtafeln, wie der Krebs im Körper wirkt und warum Ihre Medizin, und nur Ihre, so wirksam ist. Denkbar wäre etwa, dass der Krebs durch die Adern des Kranken kriecht und ihn langsam von innen auffrisst. Die Medizin wirkt nun als ein Lockmittel, das die Krebstierchen noch lieber verspeisen und dann daran sterben. Betonen Sie, dass der Krebs in vielen Grundnahrungsmitteln enthalten ist (wie zum Beispiel in den Kaugummis, die Sie zuvor verteilt haben) und nur darauf wartet, von Ahnungslosen in den Mund genommen zu werden, es also jeden jederzeit treffen kann. Ist es vor diesem Hintergrund das Risiko wert, eine solche Chance ungenutzt zu lassen, nur um ein paar Dollar zu sparen und schon wenige Monate später vielleicht vom Krebs befallen zu werden und ihm hilflos ausgeliefert zu sein? Sicher nicht.

Wenn Sie alles richtig gemacht haben, werden die Leute Ihnen den Zucker aus den Händen reißen und Sie reich belohnen. Die wenigsten tun das allerdings, weil sie Angst vor Krankheiten hätten und Ihrer Lügengeschichte Glauben schenken würden; sie bewundern Sie ganz einfach, weil Sie so ein verdammt gerissener Bursche sind. Und Zucker kann schließlich auch jeder brauchen.