Ecuador 3 – Ausreise

Wie Sie sehen, kann eine Reise nach Ecuador ganz vergnügsam und erfolgreich sein, sofern man sich auf die unerwarteten Zwischenfälle einlässt.
Ausgesprochen schwierig wird es aber, wenn man auf den sonderbaren Gedanken verfällt, dieses wunderbare Land wieder verlassen zu wollen. Der wohnzimmergroße Flughafen Quitos ist mit einem Abflug pro Tag weitgehend ausgelastet und man tut deshalb gut daran, ihn zu nutzen, auch wenn man gerade gar nicht nach Miami oder Caracas will, sondern nach Barcelona gebucht hat. Die Ignoranz des Flughafenpersonals versucht der nachsichtige Passagier noch damit zu entschuldigen, dass das Land nun einmal aus diversen weltökonomischen Gründen arm ist und sich keinen besseren Flughafen und kein freundlicheres Personal leisten kann. Ganz so arm kann der Flughafen dann aber doch nicht sein, denn die Ausreise kostet eine zusätzliche Gebühr von 25 Dollar (was einem vorher von offizieller Seite natürlich nicht verraten wird). 25 Dollar sind in Ecuador ziemlich viel wert, nämlich genau 500 große Brötchen, 250 Kaugummilutscher oder 166,67 mal Schuhe putzen lassen in der Calle 10 de Agosto.
Über die Gebühr sollte man sich dennoch nicht zu sehr aufregen, denn überhaupt abfliegen zu dürfen ist ein Privileg, das nur wenigen zuteil wird.
Die erste Schwierigkeit betrifft die telefonische Rückbestätigung des Fluges. Jede Fluggesellschaft hat über zehn verschiedene Telefonnummern, von denen leider keine einzige funktioniert. Der größte Erfolg ist es, ein ewiges Besetztzeichen hören zu dürfen, ansonsten gibt es nur noch die Varianten „Totenstille“ und „Ohrenbetäubendes Pfeifgeräusch“.
Wenn Ihre achtstündige Wanderung durch den Dschungel zu einem Telefon deshalb erfolglos geblieben ist, machen Sie sich am besten gleich auf den Weg zum Flughafen in Quito, um Ihre Ausreise vor Ort zu klären. Dort empfängt man Sie auch sehr höflich, es sei denn Sie erscheinen mitten in der Kaffeepause. Gehen Sie einfach direkt ins Büro Ihrer Fluggesellschaft und stehen ungeschickt im Weg herum, bis die umherwuselnden Leute Sie an die Reihe nehmen. Nachdem Ihnen von allen Seiten bestätigt wurde, dass alles klar sei und Sie am nächsten Tag fliegen dürften, gehen Sie beruhigt ins Hotel. Am nächsten Morgen fahren Sie vergnügt zum Flughafen, geben Ihr restliches Geld einem Bettler und stellen sich bei der kolumbianischen Fluggesellschaft zum Einchecken an. Dort erklärt Ihnen eine Dame freundlich und bestimmt, dass keine Reservierung für Sie vorläge und dass Sie das Leben in Ecuador noch etwas länger genießen dürften. Es sei denn natürlich, Sie würden zurück in die Stadt gehen, sich im Lufthansabüro melden und um einen anderen Flug am selben Abend bitten. Das tun Sie dann auch, rennen die fünf Kilometer durch die Avenida de La Prensa mit all Ihrem Gepäck und checken am Hochsicherheitstor der Lufthansa ein. Die Angestellten dort sind sehr zuvorkommend, denn Sie erklären Ihnen, trotz derzeitiger Kaffeepause, dass es überhaupt keinen Flug gäbe, niemals. Der geplante Anschlussflug ab Caracas sei seit langem gestrichen, deshalb wollte man Sie auch nicht mitnehmen. Von diesem Zeitpunkt der Verhandlungsführungen an empfiehlt es sich, hart zu bleiben und nichts mehr persönlich zu nehmen. Folgen Sie dem Personal nicht nach draußen, sondern drohen Sie, mitten auf dem Flughafen zu übernachten, bis Sie irgend jemand nach Europa mitnimmt.
In vollem Verständnis für Ihre Lage bekommen Sie dann endlich einen Anschlussflug nach Paris, der ganz plötzlich im Computer aufgetaucht ist. Dazu müssen Sie aber zunächst den ursprünglich vorgesehenen Flug nach Kolumbien nehmen. Ihre Dankesworte werden mit einem hektischen „Laufen Sie, was das Zeug hält!“ unterbrochen, denn der Flug geht in zwei Stunden. Nach einem Gewaltmarsch zurück zum Flughafen bekundet Ihnen Ihre Bekannte von der kolumbianischen Fluggesellschaft, dass Sie von Anfang an Recht gehabt hätten und der Flug versehentlich für den darauf folgenden Tag bestätigt wurde (was, wie Sie beide nicht wissen, Ihr deutsches Reisebüro veranlasst hat, das im Gegensatz zu Ihnen von der Streichung informiert wurde). Leider sei das Flugzeug mittlerweile aber voll. Ihr Humor ist inzwischen vollkommen verkümmert und Ihre Energien durch den Dauerlauf und das laute Diskutieren auf Spanisch aufgebraucht, doch Sie wissen: Wenn Sie jetzt aufgeben, war alles umsonst; Sie würden tage-, ja wochenlang in dieser Stadt hausen wie ein Obdachloser, immer in Erwartung eines Fluges, bis Sie am Smog der Metropole ersticken oder von Drogenhändlern erschossen werden. Ihre Familie und Ihre Freunde würden Sie niemals wieder sehen.
Ja, wiederholt die Angestellte der kolumbianischen Fluggesellschaft, Sie hätten ja Recht. Geben Sie ihr zu verstehen, dass Sie nicht gekommen sind, um Recht zu haben, sondern um nach Deutschland zu fliegen, und dass Sie an Ort und Stelle stehen bleiben, bis genau das passiert. In den darauf folgenden eineinhalb Stunden erklären Sie alle zehn Minuten einem jeweils Vorgesetzten des vorangegangenen Angestellten die Lage. Zwischendurch warten Sie, zusammen mit den 27 anderen Passagieren, denen es ebenso geht wie Ihnen. Da Ihre Fähigkeit, sich zu amüsieren, an einem Nullpunkt angekommen ist, können Sie es leider nicht genießen, wie das gesamte Personal einer Fluggesellschaft Ihretwegen in unglaubliche Hektik gerät, herumrennt, miteinander telefoniert und sogar auf die geliebte Kaffeepause verzichtet. 20 Minuten vor Abflug ist Ihre Hartnäckigkeit von Erfolg gekrönt: Es gibt noch einen Platz für Sie. Dem Zusammenbruch nahe, aber glücklich überlassen Sie Ihr Gepäck den nervösen Händen des Personals, rennen zum Schalter für die Flughafensteuer, werden dort angeschnauzt, dass Sie so spät kommen, füllen am nächsten Schalter das Migrationspapier aus, werden dort angeschnauzt, dass Sie es nicht schon vorher ausgefüllt haben, werden geröntgt, vergessen Ihren Geldbeutel, spurten über das Rollfeld, springen durch die Tür des Flugzeugs, die sich hinter Ihnen schließt, setzen sich in einen der 35 freien Sitzplätze und schlafen ein. Sie verbringen einen angenehmen, faulen Tag im Flughafen von Bogotá, schauen sich die dortigen Kunstwerke aus der Inkazeit an und begeben sich nach einer weiteren, eher harmlosen Diskussion mit der Fluggesellschaft nach Hause. Dort angekommen sollten Sie nicht erwarten, dass Sie jemand abholt, da Ihr Reisebüro sämtliche Verwandte darüber informiert hat, Sie kämen an einem anderen Tag. Aber sich davon noch verärgern zu lassen, dazu haben Sie nun wirklich keinen Nerv mehr.