Ecuador 1 – Ein paar erklärende Worte

Es ist immer ein Risiko, wenn man sich auf eine Reise begibt und wenn man morgens aufwacht, in einem Schlafsack, einem viel zu kurzen Bett oder dem unbequemen Sitz eines Busses, weiß man nie genau, was an jenem Tag passieren wird; nicht selten sind es Katastrophen, manchmal kleine Wunder, aber fast immer geschieht etwas Unerwartetes. Vielleicht ist es diese Lebendigkeit, die manche Menschen dazu treibt, die Flucht aus dem Alltag zu wagen, vielleicht sind es die Begegnungen mit denen, die dasselbe tun und die man zu Hause niemals kennen gelerntkennengelernt hätte, auch wenn sie manchmal nur wenige Straßen entfernt wohnen. Vielleicht ist es das Erlebnis, Dinge wie eine warme Dusche und eine Tafel Schokolade schätzen zu lernen, die sonst als banale Kleinigkeiten empfunden werden. Vielleicht ist es sogar die wichtige Erfahrung, dass die altvertraute und verinnerlichte Lebensweise der Heimat nichts Universelles, nichts Selbstverständliches ist, sondern vielmehr eine Aneinanderreihung von scheinbar willkürlichen Ritualen, die aus einer anderen, genauso seltsamen, aber auch genauso gültigen Sichtweise heraus stumpfsinnig und lächerlich wirken mögen. Diese Erkenntnis ist eine Befreiung (und im Augenblick der Heimkehr nicht selten eine Belastung), hilft sie doch dabei, übernommene Denk- und Handlungsmuster in Frage zu stellen, um ein eigenes, den eigenen Werten eher entsprechendes Verständnis von der Welt zu erschaffen. Möglicherweise ist das der tiefere Sinn hinter dem meist rein akademisch verstandenen Sprichwort „Reisen bildet“.
Allzu schade ist es deshalb, dass sich die große Mehrheit der Reiseführer über alle erdenklichen Länder einen solchen Bildungsauftrag nicht auf die Fahne geschrieben hat. Stattdessen reihen sich Adressen an Adressen und Preise an Preise und man vergisst darüber ganz, dass ein Land nicht von Hotels, Restaurants und Touristenattraktionen bewohnt wird, sondern von ganz gewöhnlichen Menschen. Welche Verschwendung von Zeit und Geld ist es, in ein weit entferntes Land zu reisen, um dann hinter den Betonwänden eines Viersternehotels dasselbe Leben wie sonst zu führen, dieselbe Sprache zu sprechen und dieselbe Zeitung zu lesen!
Dieser Reiseführer geht deshalb einen anderen Weg. Eigentlich ist es sogar zweifelhaft, ob es sich hierbei überhaupt um einen Reiseführer handelt, denn was den praktisch verwertbaren Informationsgehalt betrifft, ist er vollkommen nutzlos. Es finden sich darin weder Empfehlungen guter Unterkünfte noch Wegbeschreibungen noch die Öffnungszeiten irgendeines Museums und seine Systematik ist bestechend einfach: Er hat keine. Von Vollständigkeit ist er weit entfernt. Man könnte ihn am ehesten als eine Art Erlebnisbericht ansehen, allerdings im Gewand eines Ratgebers für Reisende, der streng der Dokumentation verpflichtet ist und so wurde trotz einiger unwesentlicher Übertreibungen, die der besseren Nachvollziehbarkeit dienen sollen, nichts hinzuerfunden. Auch ist es nicht das Ziel, bestimmte Dinge oder Menschen in ihrer kulturellen Andersartigkeit lächerlich zu machen, sondern sie so zu beschreiben, wie sie dem ahnungslosen Reisenden erscheinen mögen. Da mit der Zeit immer neue Eindrücke von neuen Orten und Situationen hinzukommen, wird dieser Reiseführer zu allen möglichen Teilen der Welt ständig fortgeschrieben. Der Grund, den Teil über Ecuador bereits jetzt zum Lesen freizugeben, liegt darin, dass in 40 oder 50 Jahren, wenn vielleicht das letzte Wort davon geschrieben sein wird, die früheren Kapitel so hoffnungslos veraltet sind, dass sie allenfalls für ein Geschichtsbuch taugen. Zwar ist die Vergangenheit gelegentlich nicht minder spannend, aber das Kennenlernen der hier beschriebenen Welten durch einen Besuch bliebe dem interessierten Leser dann leider verwehrt. Und das wäre doch schade!